Fachwerkhaus renovieren – Das große Praxis-Handbuch

Sanierung eines alten Fachwerkhauses in Eigenregie
Im Jahr 1991 konnten wir ein altes Fachwerkhaus im Osnabrücker Land bei Melle erwerben. Da ich bereits einmal eine Tapete geklebt und auch schon eine Wand gestrichen hatte, war ich zunächst der Meinung, diese Erfahrungen müssten ausreichen, um ein solches Haus zu renovieren.
Nach intensiverer Beschäftigung mit dem Thema Fachwerkhaussanierung wurde jedoch schnell klar, dass es sich weniger um eine Renovierung als vielmehr um eine umfassende Kernsanierung handeln würde. Informationen fand man damals vor allem in Fachbüchern und Zeitschriften. Internet-Ratgeber oder Online-Foren, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht.
Besonders herausfordernd war, dass man von Fachleuten zu vielen Fragen unterschiedliche und teilweise sogar widersprüchliche Antworten erhielt. Gerade das Thema Wärmedämmung erwies sich als überraschend komplex. Viele Entscheidungen mussten deshalb nach sorgfältiger Recherche und Abwägung getroffen werden.
Insgesamt haben wir rund acht Jahre benötigt, um das Haus Schritt für Schritt zu sanieren und schließlich einziehen zu können.
Auf derSelbermacher.de berichte ich über die Erfahrungen, Herausforderungen und Lösungen dieser Kernsanierung. Die folgenden Beiträge dokumentieren die Arbeiten von den ersten Abbruchmaßnahmen über Fundament- und Kellerarbeiten bis hin zu Dämmung, Dachausbau und Innenausbau und sollen anderen Fachwerkhaus-Besitzern als praktische Orientierung dienen.
1. Grundlagen & Vorbereitung der Fachwerkrenovierung
Bevor der erste Hammerschlag getan werden kann, müssen rechtliche Rahmenbedingungen und die Infrastruktur auf der Baustelle geklärt sein.
Das Objekt & Baurecht
Erfahrungen beim Kauf eines alten Fachwerkhauses im Außenbereich, Bestandschutz und Bauvoranfrage in Niedersachsen. Ohne genehmigte Bauvoranfrage hätten wir das Fachwerkhaus natürlich nicht gekauft. Da das Haus im Außenbreich liegt muss der Bestandschutz bestätigt werden
Baustelleneinrichtung
Stromversorgung über Baustromkasten, Wasserversorgung und den Bauwagen als praktischen Wohnsitz auf der Baustelle. Unsere Wohnung war ca. 35 Kilometer vom Fachwerkhaus entfernt. Da lohnte es sich, die Baustelle etwas gemütlicher zu gestalten. Auch eine Feuerstelle ist nicht zu unterschätzen. Das Projekt sollte ja auch Spaß machen.
2. Entkernung & Rohbauarbeiten
Der Rückbau alter Materialien und das Schaffen von Baufreiheit erfordert System und Muskelkraft.
Fachwerkhaus entkernen
Entrümpelung, Bauschutt-Trennung, Entfernen alter Gefache sowie Abriss des alten Stallanbaus. Anders als zu Beginn gedacht konnten lediglich die Fachwerkbalken stehen bleiben. Die Gefache mussten komplett entfernt werden. Zum Glück hatte da vorher keiner wild rumrenoviert. Rückblickend war die Entkernung eine der wichtigsten Phasen der gesamten Sanierung. Erst nachdem sämtliche Verkleidungen, Böden und später eingebaute Bauteile entfernt waren, wurde der tatsächliche Zustand der Konstruktion sichtbar. Dabei zeigte sich, dass einige Schäden deutlich geringer waren als befürchtet. Gleichzeitig kamen aber auch Probleme zum Vorschein, die vorher niemand erkannt hatte. Heute würde ich jedem empfehlen, vor größeren Entscheidungen zunächst konsequent freizulegen und den Bestand gründlich zu untersuchen.
3. Fundamente, Keller & Bodenplatte
Das Fundament ist die Basis für ein stabiles und trockenes Fachwerkhaus. Hier finden Sie alle Schritte von innen und außen.
Fundamente innen & Horizontalsperre
Wand anheben, PE-Folie als horizontale Feuchtigkeitssperre unterziehen und Fundamente betonieren. Eine Kernsanierung macht keinen Sinn wenn man nicht verhindert, dass Feuchtigkeit aus dem Erdreich die Wände hochkriecht. Hier, wie an vielen anderen Stellen, empfehle ich ausdrücklich den Fachbetrieb und den Statiker.
Keller sanieren & abdichten
Bruchsteinkeller entschutten, neuen Zugang durch 40 cm Wand brechen, verfugen und Bitumenanstrich auftragen. Der Keller war voll mit Schutt. Zum Glück keine Stoffe, die gesondert entsorgt werden mussten. Der Keller dient nun als Hausanschlussraum. Dort ist jetzt auch der Wechselrichter für unsere Photovoltaikanlage untergebracht.
Außenwand-Fundamente instandsetzen
Abschnittsweises Freilegen, Fugen säubern, verwitterte Steine ersetzen und Ostseite mit Beton verstärken. Das Fachwerkhaus steht auf Fundamenten aus Feldsteinen. Sieht schön aus, muss aber verbessert werden. Bei Fundamenten sollte man keinesfalls zu tief graben.
Feuchtigkeitssperre & Gefache
Nachträglicher Einbau von PE-Folie unter der Schwelle und Ausmauern der Gefache mit Kalkmörtel. Auch die Gefache der Außenwände waren teilweise mit Feldsteinen ausgemauert. Die haben wir komplett entfernt und neu ausgemauert. Das Mauern war relativ einfach. An meine Grenzen kam ich beim Verputzen.
Solplatte betonieren
Herstellung einer 12 cm dicken, bewehrten Betonplatte als solider Bodenaufbau im Innenbereich. Viele nette Nachbarn und Freunde haben mit angefasst. Heute würde ich den Beton liefern lassen. Damals haben wir den Beton mit zwei Mischmaschinen angemischt und die Fläche von ca. 100 m² in einem Tag betoniert.
4. Wände, Innenausbau & Wärmedämmung
Holzschutz, Balkensanierung und der richtige, diffusionsoffene Wandaufbau für ein gesundes Raumklima.
Innenwände & Schwelle tauschen
Maroden Schwellenbalken durch alte Eichenbalken ersetzen und dunkle Altanstriche durch Sandstrahlen entfernen. Über Kleinanzeigen (gedruckt - Internet gab es da noch nicht) konnte ich an alte Eichenbalken kommen. So ließen sich schadhafte Teile der Fachwerkkonstruktion austauschen. Besonders erfreulich war die Erkenntnis, dass die Zimmerleute früher oft hervorragende Arbeit geleistet hatten. Trotz ihres Alters befanden sich viele Holzkonstruktionen in erstaunlich gutem Zustand. Wo Reparaturen erforderlich waren, zeigte sich jedoch, wie wichtig traditionelle Bauweisen und geeignete Materialien sind. Moderne Standardlösungen passen nicht immer zu historischen Gebäuden. Bei vielen weiteren Projekten, Wie beim Carport und der überdachten Terrasse, kam die klassische Zapfenverbindung wieder zu Einsatz
Wärmedämmung & Schichtaufbau
Optimaler Wandaufbau mit Holzständer-Innenschale, Zellulosedämmung, U-Wert und Schallschutz. Eine wirklich komplexe Fragestellung. Wie dämme ich ein Fachwerkhaus? Mehr als 25 Jahre nach dem Einbau können wir bestätigen, dass sich diese Konstruktion bewährt hat. Weder Feuchteschäden noch Schimmelprobleme sind aufgetreten.
Dampfdiffusion & Dampfbremse
Kritische Tauwasserberechnung, diffusionsoffener Aufbau und integrierte Lüftungssteine im Fachwerk. Eine solche Berrechung sollte man unbedingt von Fachleuten erstellen lassen, bevor man Wände oder Dach nachträglich dämmt. Verschiebt sich der Taupunkt in das Bauteil kommt es zu Tauwasserausfall und enormen Bauschäden. Eine solche Berechnung empfehle ich insbesondere auch, wenn man überlegt von außen Styroporplatten an eine Hauswand zu kleben.
5. Dachsanierung & Holzkonstruktion
Das Dach schützt das historische Fachwerk und bildet das Fundament für den weiteren Ausbau.
Dach abdecken & Deckenbalken erneuern
Sanierung der Dachkonstruktion, Abdecken der alten Ziegel und fachgerechtes Erneuern morscher Deckenbalken. Der Dachstuhl konnte in weiten Teilen erhalten bleiben - sonst wäre das mit dem Bestandschutz ja auch eher kritisch gewesen. Das Dach haben wir übrigens von den Innenarbeiten und den Arbeiten an den Außenwänden dicht haben wollen.
Sparren verstärken & GEKA-Dübel
Seitliches Aufdoppeln von Sparren und Kehlbalken mit GEKA-Dübeln, Rispenbändern und Rauhspund-Verschalung. Für den Bauantrag brauchten wir natürlich auch einen Standsicherheitsnachweis vom Statiker. Der hat auch Aussagen zu den notwendigen Verstärkungen der Sparren gemacht.
Dachlatten anbringen & Lattenknecht
Konterlattung, Dachpappe verlegen und exakter Lattenabstand mit dem selbstgebauten Lattenknecht. Wir haben das Unterdach mit Rauspundbrettern gemacht. Heute würde ich bituminierte Holzfaserplatten nehmen.
Giebelschalung aus Lärchenholz
Montage einer hinterlüfteten Kriecher-Decker-Schalung aus robustem Lärchenholz am Giebel. Heute sind wir sehr froh, dass wir Lärchenholz genommen haben. Wir haben es unbehandelt gelassen. Nach 30 Jahren sieht das immer noch gut aus und anderenfalls hätten wir den Giebel sicher schon 2 mal streichen müssen.
Dach decken & Firstziegel verlegen
Dachpfannen per Helferkette transportieren, gleichmäßige Lastverteilung und trockene Firstmontage. Dacharbeiten sind Sache für das Fachunternehmen. Die können so etwas, sind versichert und man hat eine Gewährleistung. Wir haben es dennoch selber gemacht.
Echte Praxiserfahrung: Würden wir dieses Fachwerkhaus noch einmal kaufen? Ja. Allerdings würden wir heute viele Entscheidungen schneller treffen und einige Arbeiten anders organisieren. Die Grundprinzipien der Sanierung haben sich jedoch bewährt. Nach mehr als 30 Jahren Nutzung zeigt sich, dass sich sorgfältige Planung, hochwertige Materialien und Geduld langfristig auszahlen. Die auf derSelbermacher.de dokumentierten Projekte sind deshalb nicht nur eine Bauchronik, sondern auch ein Langzeitbericht über die Sanierung eines historischen Fachwerkhauses.
Das Projekt in Zahlen
- Baujahr: ca. 1800
- Kaufjahr: 1991
- Region: Osnabrücker Land bei Melle
- Objekt: Altes Fachwerkhaus
- Sanierungsart: Kernsanierung in Eigenleistung
- Sanierungsdauer: ca. 8 Jahre - wir sind aber immer noch dran
- Einzug: Nach Abschluss der wesentlichen Arbeiten im Erdgeschoss
- Dokumentation: Langzeiterfahrungen über mehr als 30 Jahre
Häufige Fragen (FAQ) zur Fachwerkrenovierung
Lohnt sich die Renovierung eines alten Fachwerkhauses in Eigenleistung?
Ja, durch viel Eigenleistung lassen sich die Baukosten enorm senken. Man sollte jedoch viel Zeit, Geduld und handwerkliches Geschick mitbringen.
Welche Schritte sind bei einer Fachwerk-Sanierung zuerst zu tun?
Zunächst müssen rechtliche Fragen wie der Bestandsschutz und die Bauvoranfrage geklärt werden, gefolgt von der Baustelleneinrichtung (Strom und Wasser) und der Entkernung.